Villa Tugendhat

Einen Ausflug über den ich unbedingt noch etwas schreiben möchte, ist die Besichtigung der Villa Tugendhat in Brünn Anfang Dezember.

Die Villa steht in einem nördlichen Vorort von Brünn mit Blick auf die Altstadt. Wer mit dem Zug nach Brünn fährt – sehr zu empfehlen und äußerst günstig (zB mit dem Regiojet schon ab 7 EUR von Wien in eine Richtung) -, erreicht sie vom Zentrum in 20 Minuten mit der Straßenbahn 9.

Die Villa wurde 1930 vom deutschen Architekten Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969) im Auftrag von Fritz und Grete Tugendhat erbaut. Lt. Wikipedia zählt die Villa „zu den bedeutendsten Bauten Mies van der Rohes in Europa und gilt als Meilenstein der modernen Architektur. Sie reiht sich in ihrer Bedeutung zu den Kronjuwelen der Moderne wie Le Corbusiers Villa Savoye, Frank Lloyd Wrights Haus Robie und dem Haus Schminke von Hans Scharoun“.

Aus Brünn stammte übrigens der berühmte Architekt Adolf Loos, der dort aber keine architektonische Spuren hinterließ. Möglicherweise deshalb war es seinem Konkurrenten Mies van der Rohe so wichtig, sich hier mit einem bedeutendem Bau zu verwirklichen.

Mies van der Rohe kommt eigentlich nicht von der Architektur, sondern lernte auf der Kunstgewerbeschule (seine Familie waren Steinmetz). Das zeigt sich in der Villa darin, dass nicht nur das Haus, sondern auch das Interieur, also jeder Türgriff, Stromschalter, Lampe usw. von ihm konzipiert wurde, sodass die Villa als einheitliches Gesamtkunstwerk zu betrachten ist.

Die Villa ist auf einem hangseitigem Grundstück gelegen. Von der Straße wirkt sie nur einstöckig und fast unscheinbar. Erst von der Gartenseite aus, lässt sich die ganze, dreigeschossige Größe der Villa einsehen.

Straßenseite
Gartenseite

Die Villa besteht im oberen Stock aus je einem Schlafzimmer für Fritz und Grete Tugendhat sowie Kinderzimmern und einem Zimmer für das Kindermädchen. Gästezimmer gibt es interessanterweise keine.

Schlafzimmer Fritz Tugendhat
Schlafzimmer Grete Tugendhat
Kinderzimmer

Das untere Stockwerk besteht aus einem 280 m2 großen Wohnbereich, der durch eine Wand aus Onyxmarmor in der Mitte geteilt wird und sich durch raumhohe, nach unten versenkbare Glasscheiben zum Garten hin öffnet. Es wird behauptet, die Wand aus Onyxmarmor habe die halben Baukosten des Hauses ausgemacht.

Vorderer Wohnbereich mit versenkbaren Fenstern und Raumteiler aus Onyxmarmor
Raumteilung durch Onyxwand
Hinterer Wohnbereich mit Bibliothek
Ess- und Besprechungstisch

Im untersten Stock sind Küche und Nebenräume, wie zB ein Dunkelraum für Fotoentwicklung – Fritz Tugendhat war passionierter Fotograft -, ein Raum für die Aufbewahrung der Pelze (gegen Motten) und die Haustechnik untergebracht.

Für die Baukosten der Villa bekam das Ehepaar Tugendhat einen Blankoscheck vom Vater von Grete Tugendhat, dem Brünner Textilunternehmer Alfred Löw-Beer, der ihnen auch den Grund dafür neben seiner eigenen Villa schenkte. Die Enkel konnte dadurch im Winter mit der Rodel den Hang runter zu dessen Villa fahren.

Der Blankoscheck von Alfred Löw-Beer wurde von den Tugendhats reichlich ausgenutzt. Zwar sind die genauen Kosten der Villa nicht bekannt, aus einer Briefstelle wird allerdings vermutet, dass der Bau danals ca 8. Mio tschechische Kronen gekostet hat. Ein anständige Villa konnte damals bereits um rd. 250.000 Kronen gebaut werden.

Das Geld wurde gut investiert. Die jüdische Familie Tugendhat war sehr glücklich mit dem Ergebnis. Sie konnte aber nur sieben Jahre dort leben, weil sie 1937 vor den Nazis in die Schweiz und weiter nach Venezuela flüchtete. Die Villa wurde von den Nazis und danach von den Kommunisten für verschiedene Zwecke genutzt. Warum sie nach der samtenen Revolution 1989 nicht an die Familie restituiert wurde – die jüngste Tochter, die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat lebt heute in Wien, ihr Sohn ist der ehemalige Chef von Greenpeace Österreich und heutige Nationalratsabgeordnete der Grünen Lukas Hammer -, konnte ich nicht eruieren.

Wer die Vila Tugendhat besichtigen möchte, sollte sich rechtzeitig darum kümmern. Die Tickets können online gekauft werden. Die Wartezeit für eine Führung beträgt allerdings ungefähr ein halbes Jahr. Wir empfehlen die Villa gleich mit einem Wochenendausflug nach Brünn zu verbinden.

Wem die Fahrt nach Brünn zu weit ist, kann stattdessen die Villa Beer in der Wenzgasse in Wien Hietzing besuchen. Sie wurde zur gleichen Zeit wie die Villa Tugendhat von Josef Frank und Oskar Wlach mit einem ähnlichen offenen Raumkonzept gebaut. Diese Villa ist in Privatbesitz. Das MAK und das Architekturzentrum Wien haben allerdings Zugang und veranstalten gelegentlich öffentliche Führungen.

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