
Dieses Bild des preußischen Hofmalers Anton von Werner zeigt eine Szene aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871.
Der genaue Tag und Ort der Szene ist dokumentiert. Es ist der 4. August 1870. Kronprinz Friedrich Wilhelm steht mit der preußischen Generalität im Gehöft Schafbusch nahe der elsässischen Festungs- und Grenzstadt Weißenburg vor der Leiche des gefallenen französischen Generals Abel Douay.
Die Schlacht bei Weißenburg, dem heutigen Wissembourg, fand zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 statt, wo erstmals ein aus preußischen und süddeutschen Einheiten zusammengesetztes gesamtdeutsches Heer auf die sogenannte „Elsassarmee“ unter dem französischen Marschall und späteren 2. Präsidenten der 3. Republik, Patrice de Mac-Mahon, traf.
General Charles-Abel Douay, 1809 in Besançon geboren, wurde bei Ausbruch des Krieges 1870 die Führung der 2. Division des 1. französischen Armeekorps anvertraut, die dessen Vorhut bildete. Durch unterbliebene eigene Aufklärung und Ignorieren der vom zivilen Unterpräfekten von Weißenburg gesandten Berichte über den deutschen Aufmarsch direkt hinter der Grenze wurde die Division Douays sorglos in eine äußerst exponierte Stellung befohlen, als sie am Abend des 3. August 1870 die unmittelbare Umgebung von Weißenburg erreichte. Dort wurde sie am 4. August morgens vom Vormarsch der 3. Armee unter der formellen Führung von Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen überrascht. Douay verschanzte sich mit seiner Truppe auf den Höhen von Weißenburg und fiel dort gleich zu Beginn des Kampfes beim Richten eines Artilleriegeschützes am späten Vormittag des 4. August durch deutschen Artilleriebeschuss.
Die Schlacht von Weißenburg endete mit der Niederlage der Franzosen. Der Leichnam des Generals wurde geborgen und in der „guten“ Stube des Gehöfts Schafbusch provisorisch aufgebahrt, das als Notlazarett diente.
Das Bild von Werners zeigt den preußischen Kronprinzen mit Offizieren seines Stabes wie sie dem aufgebahrten Leichnam des französischen Offiziers die letzte Ehre erweisen.
Der hochaufgereckte Kronprinz, der das Bild in zwei Hälften teilt, schaut andächtig auf den Leichnam Douays. Dieser ruht auf einer Matratze, ein umgestürzter Stuhl dient als Stütze für den Oberkörper. Das Hündchen des Generals, das der Szene zusammen mit dem Jesusbildchen an der Wand einen sentimentalen Charakter verleiht, liegt auf einer Decke, welche die Beine des Toten bedeckt. Ein geflochtener Kranz aus Blättern schmückt die Brust des Gefallenen. In der linken Bildhälfte sind die Begleitung des Kronprinzen sowie ein französischer Militärarzt abgebildet, der sich am Tisch abstützt. Es handelt sich dabei um (von links nach rechts) Oberst von Gottberg, Major Mischke, Major von Winterfeldt, den französischen Militärarzt, General von Blumenthal sowie Hauptmann Graf zu Eulenburg. Die Gruppe verharrt schweigend beim Leichnam. Die Möblierung des Zimmers ist einfach gehalten, auf dem Tisch sind die Reste einer Mahlzeit und unterhalb des Fensters eine Nähmaschine zu sehen, daneben befindet sich ein Stuhl, auf dem eine nicht zu Ende genähte Rote-Kreuz-Fahne liegt.

Anton von Werner (1843 – 1915) war Hof- und Gesellschaftschronist und einer der vielbeschäftigsten und einflussreichsten Künstler des deutschen Kaiserreichs. Sein Aufstieg begann mit dem Deutsch-Französischen Krieg, dem wir nicht nur dieses Bild Werners verdanken. Werner erlebte auf Vermittlung von Großherzog Friedrich von Baden, der mit der Schwester des preußischen Kronprinzen verheiratet war, die Endphase des Krieges im Hauptquartier der 3. Armee von Kronprinz Friedrich Wilhelm.
Dieser forderte ihn auch im Januar 1871 auf, nach Versailles zu reisen um, „Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches“ für die Nachwelt festzuhalten, ein Gemälde, das er 1877 nach sechsjähriger Arbeit für den Weißen Saal des Berliner Schlosses fertig stellte. Es verbrannte bei Kriegsende Anfang 1945 ebenso wie eine spätere Fassung von 1885 für das Berliner Zeughaus. Es ist dieses zweite, heute nur noch als Farbfotografie erhaltene Gemälde, das als Werners bekanntestes Werk gilt – bekannter als der Maler selbst. Denn nur die wenigsten Deutschen, die dieses Bild aus den Geschichtsbüchern kennen, könnten wohl seinen Maler nennen.

Werner malte in einem beinahe fotografisch realistischen Stil, jedoch ohne tieferen Ausdrucksgehalt. Er forderte von der Malerei lt. Wikipedia „die strengste Beachtung der Gesetze der Komposition, der Perspektive, der Anatomie sowie Detailgenauigkeit und Abbildtreue in der Farbgebung und der Darstellung des Materials“, allerdings „mit der Möglichkeit, die abzubildenden Ereignisse durch Gewichtung bestimmter Figurengruppen sowie die Überhöhung eines Einzelnen durch freies Erfassen der räumlichen Situation und Führung des Lichts würdevoll zu inszenieren“. Diese Technik veranschaulicht eindringlich seine zweiten Fassung zur „Proklamation des Deutschen Kaiserreiches“ von 1885, wo Werner die Protagonisten gegenüber der ersten Fassung verdichtete und Bismarck in den Mittelpunkt rückte.

In den 1880er Jahren noch auf dem Höhepunkt seines Schaffens und Ansehens traf diese konservative Kunstauffassung in den späteren wilhelminischen Jahren zunehmend auf Kritik und führte zu Werners fortschreitenden Ansehensverlust. Die Kunstkritik sah darin eine trockene, künstlerisch nichtssagende und unbefriedigende, wenn auch bis ins Einzelste genaue Wirklichkeitswiedergabe; einen verspäteten Klassizismus ohne eigenen Stil.
Mit dieser Kritik soll die bildnerische Qualität seiner Werke allerdings nicht geschmälert werden. Anton von Werners Kunstverständnis mag damals nicht mehr modern gewesen sein. Doch sein malerisches Handwerk verstand Werner zweifellos. Und mögen viele seiner Historienbilder heute auch blutleer wirken, so fehlt nicht allen dieser Bilder ein gewisser Charme. Das zeigt für mich auch sein Gemälde des toten Generals Abel Douay.

Anton von Werner zog für dieses – wie auch bei seinen anderen Historienbildern – genaue Erkundigungen über Ort und Ereignis ein, fertigte Skizzen an und holte Aussagen damals anwesender Personen wie hier des preußischen Kronprinzen und des Pächters des Gehöftes ein. Die Familie des gefallenen Generals stellte sogar ein Porträt Douays zur Verfügung. Auch der französische Militärarzt sandte von Werner später ein Foto aus dem Jahr 1870 zum Vergleich zu. Bemerkenswert ist die akribische Darstellung von äußeren Details. Gleichzeitig wird das Bild des Kronprinzen als siegreicher und ritterlicher Feldherr vermittelt, der dem toten Feind die letzte Ehre erweist und ihm damit Respekt zollt.
Das fiel auch Ernst Jünger auf, der am 30. November 1979 in sein Tagebuch schrieb: „Werner gilt als ‚Knopfmaler‘. Malen konnte er jedenfalls. Dieses Bild ist thematisch bedeutsam in seiner großen Ruhe, die zuweilen von Historienmalern (…) erreicht wird – vor allem aber als Zeugnis, der dem 19. Jahrhundert innewohnenden Humanität. Diese Ehrfurcht, auch Trauer, vor der Leiche des gefallenen Gegners ist heute undenkbar; ihr fehlt jede Voraussetzung.”1

Der Leichnam Douays wurde später ehrenvoll bestattet, seine Uniform wird heute im Pariser Armeemuseum aufbewahrt.
Durch den gewonnen Krieg von 1870/71 wurde der Vater des Kronprinzen als Wilhelm I erster Kaiser des Deutschen Reichs. 1888 folgte ihm Kronprinz Friedrich Wilhelm, der mit der ältesten Tochter Queen Victorias (gleichen Namens) verheiratet war und vielen Liberalen Deutschlands als Hoffnungsträger galt, als Friedrich III nach. Nur 99 Tage später erlag er einem Krebsleiden. Nachfolger als Deutscher Kaiser wurde sein Sohn Wilhelm II. Anders als sein Vater sollte dieser seinen großen Krieg nicht als Sieger beenden. Der nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1871 von Deutschland annektierte Elsass fiel 1918 wieder an Frankreich zurück.
Anton von Werner, Kronprinz Friedrich Wilhelm an der Leiche des Generals Abel Douay, Öl auf Leinwand, 1890, Burg Hohenzollern
1 Ernst Jünger, Siebzig verweht II, 553.