
Die Kirche, die der byzantinischen Kunst einen neuen Schub gab, besichtigten wir nach der Sophienkirche. Es ist die Kirche Sveta Bogorodica Perivlepta, auf Deutsch: „Kirche der allbarmherzigen oder allsehenden Gottesmutter“1.
Auf einem Hügel in der Oberstadt von Ohrid gelegen, ist diese kleine Kirche ein Meilenstein der europäischen Kunstgeschichte. Sie markiert den Moment, in dem die byzantinische Malerei starre Traditionen hinter sich ließ und den Weg für das ebnete, was wir heute als Palailogische Renaissance bezeichnen.

Die beiden jungen Maler Michael Astrapas und Eutychios, die 1295 die Fresken der Kirche gestalteten, brachten damit, ähnlich Giotto in Italien, eine visuelle Revolution in den Balkan, die erstmals ungefilterte menschliche Gefühle in die Darstellung der Figuren zeigten. Auch sind die Körper unter den Gewändern keine flachen Silhouetten mehr, sondern wirken lebendig als stünden sie unter physischer Spannung.

Vor allem aber experimentierten die beiden Maler erstmals mit Perspektive, indem sie die Figuren in reale, architektonische Kulissen setzten. Anstatt vor einem flachen, goldenen oder einfarbigen Hintergrund zu stehen, bewegen sich die Personen vor dreidimensional wirkenden Gebäuden und Landschaften, die dem Betrachter echte Raumtiefe vermitteln.2
Nach den vielen Kirchen ging es dann endlich an den Strand in ein gutes Fisch- und Grillrestaurant.

Und da fällt mir ein, dass ich noch gar nichts über den Ohridsee geschrieben habe. Der ist etwas länger als der Attersee, vor allem aber sehr viel breiter, ziemlich groß also. Und auch das sehr klare Wasser hat eine ähnliche blau-türkise Farbe wie der Attersee. Allerdings ist er sehr viel älter. Während der Attersee nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren entstanden ist, ist der Ohridsee zwischen 1,3 bis 2 Millionen Jahre alt.
Er gilt damit als der älteste durchgehend bestehende See Europas und gehört auch weltweit zu den ganz wenigen echten „Urseen“ (wie etwa der Baikal- oder der Tanganjikasee). Er war in all dieser Zeit im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Seen niemals komplett ausgetrocknet oder von Gletschern überdeckt.
Und da wir hier gerade am Strand liegen, ist es jetzt Zeit, den Blog zur Seite zu legen und erstmals im See schwimmen zu

- Bogorodica: Serbisch/kroatisch, setzt sich zusammen aus Bog (Gott) und rodica (die Gebärende). Aus dem Griechischen übernommen von Theotokos: Die Gottesgebärerin, im Deutschen am besten übersetzt mit „Gottesmutter“ (Maria). ↩︎
- Dass die beiden Maler wussten, dass sie hier etwas völlig Neues und Außergewöhnliches geschaffen hatten, zeigt ein faszinierendes Detail: Sie verwickelten ihre Signaturen geschickt an mehreren Stellen im Kirchenraum in den Fresken, unter anderem auf dem Schwert eines heiligen Kriegers und auf den Gewändern der Heiligen. Das war für die damals meist anonyme mittelalterliche Kunst extrem ungewöhnlich und zeugt von einem ganz neuen, modernen Künstlerstolz. ↩︎